open slideshow >>
 
Expect Relevance
 
Shaan Syed, Gernot Wieland, Aleksander Komarov
 
Shaan Syed (*1975 in Kanada, lebt und arbeitet in Toronto) beschäftigt sich vor allem mit Malerei. Als Ausgangspunkt seiner Gemälde dient ihm ein umfangreiches Archiv von Zeitungsbildern, das er selbst angelegt hat und laufend erweitert. Die Herkunft der Vorlagen aus dem Tagesjournalismus sorgt für eine gewisse Plakativität der Motive, nichtsdestotrotz steht der Mensch im Vordergrund; er erscheint entweder alleine in irgendeiner Umgebung, oder aber eingelassen in eine soziale Situation. Interessanterweise spielt die Anordnung der Bildprotagonisten immer wieder auf verschiedene Spielformen sozialer Interaktion an – es herrscht geschäftiges Treiben, Menschen unterhalten sich, gehen aufeinander zu – und dennoch scheinen sie voneinander isoliert zu sein, vereinzelt, wenn nicht gar vereinsamt. Bei Shaan Syed begegnen Menschen sich selber und anderen, doch scheint trotz der kommunikativen Disposition am Ende kaum wirklich Austausch stattzufinden.

Zwischenmenschliche Beziehungen spielen auch in der Arbeit von Gernot Wieland (*1968 in Österreich, lebt und arbeitet in Berlin) eine wichtige Rolle, hier allerdings häufig ausgehend vom einzelnen Individuum und seinem Verhältnis zur Welt. Gleich wie bei Syed steht weniger die Sprache, als vielmehr die Geste im Vordergrund, und Austausch findet oftmals nur in einer knappen Bewegung ihren Ausdruck. Viel mehr als bei Syed sind die Menschen bei Wieland mit sich selbst beschäftigt, und während sich beim einen die Leute mit lauter Gestik vergeblich versuchen mitzuteilen, so erscheint hier der Rückzug in die Stille als eventuell profundere Form von gegenseitigem Verstehen. In den kurzen Loops der Videoarbeiten schwingt denn auch nicht nur die Suggestion von Stillstand und sinnentleerter Wiederholung mit, sondern gleichzeitig ein verständnisvolles it’s ok. Die zunächst eher kalt und abweisend wirkende Installation wird unverhofft zu einem schützenden Rahmen für die Auseinandersetzung mit sich selber, statt eisiger Kälte inmitten der Menschenmenge findet man Wärme und Trost bei sich selbst.

Nach Men’s Journey into the Unknown (2000), Alien workshop und The centenarian Project (beide 2001) arbeitet Aleksander Komarov (*1971 in Weissrussland, lebt und arbeitet Rotterdam) bereits seit etwa einem halben Jahr an seinem neuesten Zyklus Danse Macabre. Der Wunsch, sich intensiv mit dem Medium der Zeichnung auseinanderzusetzen, führte sehr schnell zur Beschäftigung mit dem menschlichen Körper, oder präziser: mit dessen Innenleben. Mit einem beinahe naturwissenschaftlichen Blick werden die einzelnen Bestandteile und Funktionskreise des menschlichen Körpers dekonstruiert, im gleichen Zug als Zeichnungen und Stickereien auf der Leinwand jedoch wieder konstruktiv zusammengesetzt. Die Einsicht aus Men’s Journey into the Unknown – der Künstler sei vor allem ein Abenteurer – gilt bis heute für Komarovs künstlerische Praxis: Das Atelier ist bei ihm ein chaotisches Forschungslabor, in dem ausgehend von einem anfänglichen Thema in assoziativer Verknüpfung immer neue Formfindungen entstehen. Danse Macabre ist ein über die Zeit hinweg zusammengewachsenes Gesamtkunstwerk, das nicht nur Einblick in anatomische Analysen gibt, sondern vor allem in den Kopf des Künstlers selbst.

Die Arbeiten der drei Künstler sind während ihres Aufenthaltes im Künstlerhaus Boswil entstanden, wo sie im Rahmen des Artist in Residence Programmes seit September zu Gast sind.

20.12.2002

 
17.12.2002, Oliver Kielmeyer, Kurator